Zementschuh oder Mondspaziergang – wie viel Fantasie braucht die Fantasy?

Sind Zauberstäbe im Klassenzimmer und Schwerter mit tatendurstigen Namen schon surreal genug? Oder fängt das Genre bei apokalyptischen Göttern, bunten Sonnen und sprechenden Schatten überhaupt erst an, interessant zu werden? Die Extreme der Fantasy pendeln zwischen bodenständigem Realismus und schwereloser Utopie – zwischen Zementschuh und Mondspaziergang. Und bei den Stars der Szene herrscht Grüppchenbildung.


Die Realos: Harte Fakten und Häppchenfantasie

Das Lied des BlutesFantasy in homöopathischen Dosen ist nicht erst seit gestern en vogue. Das Rezept: Harte Fakten aus Politik, Ökonomie und Sozialstruktur bestimmen neben Intrigen, Romanzen und zwischenzeitlichem Schwertgefuchtel das Bühnenbild, während Mystik und Magie bis zum dramatischen Höhepunkt oder finalen Twist hinterm Vorhang warten. Ein paar Beispiele: Wenn George R.R. Martins Drachen im Lied von Eis und Feuer erstmals mit ihrer menschlichen Mutter schmusen, dann gehen Band eins bereits die Kapitel aus. Wenn Anthony Ryans Rabenschatten endlich offene Worte mit seinem okkulten Gegenspieler wechselt, dann ist Das Lied des Blutes wenig später ausgeklungen. Und wenn in Brian McClellans Gemmell-Award-prämiertem Debüt Blutschwur die Realpolitik Platz für Göttermythen macht, dann bleibt bis zur Fortsetzung nur noch der Epilog. Krimileser wären berechtigterweise stocksauer, wenn der Mord am Ende des Romans nicht aufgeklärt, sondern überhaupt erst begangen werden würde. Aber in der Fantasy ticken die Uhren eben anders – nämlich tendenziell trashig. Zu viel Fantasie in der Fantasy wirkt, so absurd es klingt, billig, überladen und oft auch unfreiwillig komisch. Eine Erkenntnis, die sich seit den 90ern zunehmend rumgesprochen hat. Also servieren die modernen Vertreter des Genres lieber Appetithäppchen statt Sattmachermenüs. Aber genau wie früher schmecken die viel zu oft nach Mittelalter in Mitteleuropa.

Ein Sturm zieht aufWas uns zum nächsten Steckenpferd der Realos führt: Landkartenmalerei. Leigh Bardugo spielt in ihren Grischa– und Krähen-Geschichten Bäumchen wechsel dich mit Dierckes Weltatlas und macht aus Russland, Holland, Schweden und China neue alte Nationen. Martins Westeros sieht von oben aus wie ein Britannien mit Bonus-Klimazonen, und im historienverliebten Vierteiler Die Brücke der Gezeiten des Neuseeländers David Hair liegen Abziehbilder von Morgen- und Abendland im Clinch der Kulturen. Kennt man leider auch aus den Nachrichten. Andererseits ist genau das eine der Stärken realitätsnaher Fantasy: Sie kann und will gesellschaftskritisch sein. David Hair stellt beispielsweise Rassismus, Islamhass und eurozentrische Arroganz an den Pranger. Leigh Bardugo widmet sich sozialen Milieus, in denen Drogen- und Menschenhandel, Prostitution und Korruption allgegenwärtig sind. George R.R. Martin und Anthony Ryan zeichnen von Machtgier, Kriegstreiberei, Dekadenz, Bigotterie und Homophobie geprägte Sittengemälde. Alles olle Kamellen aus dem Mittelalter? Schön wärs, dabei halten genau diese Themen die Welt noch immer oder schon wieder in Atem.


Die Fantasten: Clowns und Philosophen

Krieg der StädteManchmal möchte man Fantasyautoren am Kragen packen, sie kräftig durchschütteln, und wie ein Mentalcoach für müde Manager durch den Seminarraum krakeelen: »Traut euch gefälligst was! Guckt euch mal die Jungs von der Sci-Fi-Abteilung an, wie visionär die sind!« Tatsächlich flüchtet sich die Fantasy viel zu oft in Konventionen, Klischees und Komfortzonen. Vielleicht auch deshalb, weil die Alternative schnell im Slapstick endet. Ich sage sorry und überspringe an dieser Stelle Terry Pratchett und seine auf vier Elefanten und einer Riesenschildkröte durchs All segelnde Scheibenwelt, denn bei der Art von Humor nehmen erfahrungsgemäß nicht nur Fantasypuristen Reißaus (me too). Lieber lesen wir kurz bei einem anderen Briten mit Schrullen rein: Auch Philip Reeves vom Kino angeschubste und dieser Tage neu aufgelegte Reihe Mortal Engines fährt auf der Straße der Stilistik mit allegorischem Bleifuß und dröhnender Klamaukhupe so ziemlich jede Subtilität über den Haufen. Und er skizziert ein endzeitliches Übermorgen, das zwar als utopisch bzw. dystopisch, aber kaum als wahrscheinlich durchgeht. Städte auf Rädern, die sich gegenseitig jagen und fressen? Tja, visionär ist das nicht. Aber im Unterschied zur Science Fiction geht es in der Fantasy schließlich nicht darum, Machbarkeiten auszuloten. Es kommt eher auf den philosophischen Mehrwert an.

Sommer der ZwietrachtVielleicht schlummert das utopische Potenzial des Genres also gar nicht in der Beschreibung alternativer Welten, sondern in möglichst abgefahrenen Gedankenspielen. Das Stichwort für Daniel Abraham. Der synonymverliebte GRRM-Buddy ist in Sci-Fi wie Fantasy heimisch, ein ebenso großer Poet wie Um-die-Ecke-Denker und hat unter anderem die inzwischen in Serie gegangene Expanse-Buchreihe mitverfasst. Der originellste seiner zig Geistesblitze findet sich aber im sperrigen Debüt-Vierteiler Die magischen Städte aus den Nullerjahren. Was wäre, wenn man Ideen in eine willensbegabte, quasi-menschliche Gestalt bringen könnte? Und was wäre, wenn ein solches Wesen die ursprüngliche Idee Wirklichkeit werden lassen könnte? Ganz andere, aber auch spannende Existenzfragen stellt Brian Staveley in seinem 2014 erschienenen Erstling Der verlorene Thron. Ist die Menschheit wirklich die Krone der Schöpfung oder nur ein evolutionärer Unfall? Wie anders und überlegen ticken dann unsere Vorfahren? Macht sie das zu Göttern oder zu deren Antipoden? Und wo sind sie überhaupt geblieben? Puh, jetzt dreht sich alles, oder? Soll es auch, denn genau so sieht philosophischer Mehrwert aus.


Das Beste aus beiden Welten

Mischen wir doch mal durch. Werfen wir Realos und Fantasten in einen Topf, rühren kräftig um und schmecken die Buchstabensuppe ab. Das Urteil könnte lauten: In ihren stärksten Momenten kann die Fantasy gesellschaftskritisch und philosophisch sein. Und in ihren schwächsten Momenten nervt sie mit Klischees und Klamauk. Also in Zukunft bitte nur noch das Beste aus beiden Welten.

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