Tolkien und ich – eine Trennungsgeschichte

Damals, in meiner späten Kindheit, als Telefone noch Zellen hatten und Polizisten grün angezogen waren, gab es genau ein vertrauenswürdiges Label für Fantasy: Tolkien. Alles andere im Genre war geklaut oder Groschenroman. Also las ich Tolkien.


Die Karte von Wilderland

© Klett-Cotta

Ich las ihn einmal, zweimal, dreimal, ich las den Herrn der Ringe, den Hobbit, das Silmarillion, sogar das ganze bleierne Beiwerk, dann alles von vorne und noch mal und so weiter. Und ich liebte es. Bis ich ein paar Jahre älter wurde, krachige Musik, Mädchen und Bier entdeckte (mit wechselnder Vorliebe) und Fantasybücher den Sanostolkindern überließ. Nach einem weiteren Zeitsprung und vielen traurigen, wütenden und durchgeknallten Büchern von Douglas Coupland, Irvine Welsh, Martin Millar und anderen, war Tolkien plötzlich im Kino – und die Fantasy zurück in meinem Herzen. Ich schlug den roten Leineneinband auf und ging wieder im Auenland spazieren. Auch mangels Alternativen, denn in der Fantasy, so dachte ich, gab es immer und gibt es für alle Zeiten nur zwei Optionen: Mittelerde oder Müll. Doch die Welt hatte sich verändert. Das muffige Genre-Eck im Bücherladen, früher kaum mehr als das unterste Brett im wenig hipperen Sci-Fi-Regal, war in der Zwischenzeit größer, hübscher und internationaler geworden. Neue Namen mit neuen Ideen und Welten hatten aus dem Planeten Fantasy ein Universum gemacht und Tolkien vom Gott zum Astronauten degradiert. Also begann ich zu lesen. Erst Martin und Williams, dann Rothfuss und Lynch, später Ryan und Hair. Und während ich das Ende der ewigen Alternativlosigkeit feierte, schlich sich ein kleiner, gemeiner Gedanke durch die Hintertür in meinen Lesekosmos: All diese neuen Bücher hatten echte Schriftsteller geschrieben. Tolkien war dagegen nur ein Sprachwissenschaftler mit staubiger Dichtkunst in der Westentasche. Und bums, der Liebling war relativ.


Aber nicht nur meine Biografie ist schuld, auch die Dinge drum herum. Und ja, Jacksons Filme hatten ihren Anteil an der Entfremdung. Nicht falsch verstehen, ich mag beide Trilogien (minus Teenwolf-Beorn und die Walking Dead), halte Die Gefährten sogar für eine der besten Buchverfilmungen überhaupt. Nur kommt es mir vor, als hätte man aus der weichgezeichneten Parallelwelt meiner Kindheit einen Hochglanz-Porno gemacht. Faszinierend, aber schmutzig. Auch die gezeitenartig auf- und abbrandenden Rassismus- und Gender-Debatten um den tolkienschen Wertekanon ließen mich irgendwann nicht mehr kalt. Sie erhitzten meinen Anti-Konsum-Instinkt aber bei weitem nicht so sehr wie ein anderes Problem: Ich bin satt, nein anders, ich bin überfressen. Bis zum Brechreiz überfressen von all den posthumen Veröffentlichungen sinnfreier Sekundärliteratur, von den pseudowissenschaftlichen Abhandlungen der Mitverdiener, von Making-Ofs, Artworks, Neuauflagen, Jubiläumsausgaben, Filmen, Videospielen, geplanten Serien und, und, und. Überall Leichenfledderer: Die Erben, die Rechteinhaber, die Kulturindustrie, vor allem aber wir Konsumenten mit unserer Gier oder Gleichgültigkeit oder beidem – und mit der strikten Weigerung, uns mit dem zu begnügen, was da war und was gut war.

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