Rezension: Philip Reeve – Krieg der Städte – Mortal Engines 1

In Endzeit-London kommt der Nebel nicht aus dem herbstlichen Hyde Park, sondern vom Maschinendeck, denn in Philip Reeves neu aufgelegter Steampunk-Reihe Mortal Engines braust die britische Metropole als monströses Eisenschwein auf der Suche nach Verwertbarem über den halbtoten Planeten Erde. Städtedarwinismus lautet das Motto der dystopischen Stunde.


Wo Großstädte und Kuhkäffer durch die Weltgeschichte rollen, um sich gegenseitig zu fressen, wo Sesshaftigkeit als Schurkentum geächtet wird, wo glatzköpfige Ingenieure die Welt regieren und archäologische Schätze »Old-Tech« heißen, da werden unverhofft charmante Abenteuergeschichten erzählt. Reeves Reihenstart ist Liebe auf den dritten Blick – dann aber richtig.


Elf meint: »Mit Steam, Charme und Kanone«

Ich gebs zu, meine Erwartungen waren nicht die höchsten. Ein nicht mal 300 Seiten dürres Buch mit einem, vorsichtig ausgedrückt, ungewöhnlichen erzählerischen Gerippe – was kann das schon werden? Fazit nach den ersten paar Kapiteln: Tatsächlich, es mangelt an Tiefgang. Nach ein paar mehr Kapiteln: Charme hat die Geschichte aber schon. Nach noch mehr Kapiteln: Alles klar, ich mags, ich fieber mit und ich hab die Figuren lieb. Nehmen wir als Beispiel mal Kerncharakter Tom Natsworthy. Zu Beginn der Handlung eine schlimme Heulsuse, wird er von Abenteuer zu Abenteuer immer zugänglicher und liebenswerter. Und auch wenn er trotzdem ein quengeliger Lappen bleibt, oder vielleicht gerade deshalb, trifft Reeve mit ihm und fast allen anderen Figuren voll ins Schwarze. Gleiches gilt für den Plot, der anfänglich noch so hastig und oberflächlich erzählt wirkt, als wäre man in der gefürchteten Young-Adult-Fantasy gelandet, dann mehr und mehr ergreifend sensible Passagen von seltener schriftstellerischer Brillanz aus dem Ärmel zieht, um im besten Buchfinale, das ich in diesem Jahr gelesen habe, zur Legende zu werden.


Zwerg meint: »Kalter Kosmos auf Rädern«

Es gibt Ideen, die sind so abwegig, dass sie schon wieder genial sind. Diese hier gehört nicht dazu. Ich sag auch warum: Jede utopische oder dystopische Erzählung sollte wenigstens einen klitzekleinen Kern Machbarkeit mitbringen, um atmosphärisch zu funktionieren. Für die mortalen Maschinen gilt allerdings: Nicht in einer Million Jahren wird unsere Welt so aussehen, egal wie sehr die Menschheit noch durchknallt. Schon klar, Reeves Konzept der sich gegenseitig verschlingenden Rollmonster ist eine Allegorie auf die Konsum- und Wachstumsbesessenheit unserer Gegenwartskultur – geschenkt. Trotzdem lässt mich der Kosmos kalt. Aber auch wenn mir viele stilistische Details im Krieg der Städte nicht so recht in den Kram passen wollen, möchte ich der Geschichte an dieser Stelle kein weiteres Haar krümmen, denn dazu hat sie mich zu gut unterhalten.


Krieg der Städte 2

© Fischer Tor

Für …
die Schublade
die Busfahrt
die Ewigkeit

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