Rezension: Bradley Beaulieu – Der Zorn der Asirim – Die Legenden der Bernsteinstadt 2

Mit Despotie in der einen Faust und dämonischen Dienern in der anderen regieren zwölf Könige die Wüstenmetropole Sharakhai. An ihren Thronen sägt Çeda, Halbwaise mit Zunder im Schwertarm und teilmysteriöser Herkunft. Beschritt unsere Heldin als Fixstern der Geschichte in Band eins noch zielstrebig den tugendhaften Pfad der Rebellion, so wird sie nun von einem dramaturgischen Sandsturm aus Mythen, Geheimnissen, höfischen Intrigen, fragwürdigen Allianzen und persönlichem Rachedurst durchgeschüttelt. Außerdem in diesem Teil: Götter, die unter Menschen wandeln, Terroristen-Romantik und eine waschechte Mumien-Storyline.


Wer lange Reihen voll langer Bücher mag, kann die Shisha stopfen und loslesen. Aber vorher genug trinken, denn man weiß nie, ob hinter der nächsten Düne Wasser wartet oder nur noch mehr Sand.


Elf meint: »Eine Oase in der Fantasy-Wüste«

Das Wüstensetting ist prima. Es erfindet das Rad nicht neu, ist aber ebenso stimmig wie stimmungsvoll. Entscheidend ist hierbei, dass Sharakhai ein Schauplatz voller Leben ist: Paläste, Basare und Karawansereien treffen auf Elendsviertel, Drogenhöhlen und orientalisches Street Food. Und dann wären da noch die zwar physikalisch völlig abwegigen aber andererseits auch sehr originellen Sandschiffe, die auf riesigen Kufen wie Schlittschuhe mit Segeln durch die Wüste düsen. Toll. Und das gilt im Prinzip auch für die Handlung. Im Finale des ansonsten hervorragenden ersten Teils versanken Pacing und Nachvollziehbarkeit leider im Treibsand. Das Ergebnis war ein erzählerisches Chaos, in das nun erst mal Ordnung gebracht werden muss. Und das macht Beaulieu gut. So nehmen vorbildlich eingestreute Rückschauen zu Band eins den Leser bei der Hand und führen ihm die wichtigsten Hintergründe dezent aber wirkungsvoll vor Augen. Und schon ist der verloren geglaubte Faden wieder da. Dieser zweite Teil schmeißt den Motor nicht sofort an, aber nach einer tolerablen Aufwärmphase wird aus der Spazierfahrt das erhoffte Temporennen. Vor allem die gegenüber dem Vorgänger deutlich höhere Taktung der Storylines drückt auf die Tube. Vier bis fünf Handlungsstränge inklusive elegant platzierter Flashbacks sorgen für ein abwechslungsreiches und cleveres Geschichtengerüst. Auch kommen die Fähigkeiten und Funktionen des im ersten Band noch recht blass gebliebenen Königsdutzends nun endlich zu blühender Entfaltung. Fest steht: Bradley Beaulieu ist ein Freund klassischer Erzählstrukturen. Langsamer Spannungsaufbau mit gelegentlichen Spitzen – und im Finale machts Krawumm. Ein Rezept, das selten misslingt, auch wenn man es nicht überstrapazieren sollte. Fazit: Die Legenden der Bernsteinstadt bleiben auch nach Band zwei eine der besten aktuell laufenden Fantasy-Reihen. Komplex, intelligent, detailverliebt und sehr atmosphärisch. Luft nach oben ist da, aber schon ziemlich dünn.


Zwerg meint: »Der Plot hat Sand im Schuh«

Eine Frage ans Plenum: Was haben Fantasy-Autoren bloß immer mit Zahlen? Zwölf Könige, drei Schwerter, sieben Söhne/Siegel/Zwerge, fünf fettige Fritten. Hier ist noch eine Zahl: Dieses Buch ist zu lang, zu lang und dreimal zu lang. Und deshalb hat die auf gut 800 Seiten plattgewalzte Story die Spannungskurve eines Kamelritts für übergewichtige Touristen: Ab und zu hopst es mal, ansonsten gemütlicher Trab. Überhaupt geht Beaulieu in diesem zweiten Teil zu oft der Blick fürs Wesentliche verloren. Sinnbildlich dafür: Auch nach zwei Büchern und rund 1.500 Seiten gelingt es mir immer noch nicht, die zwölf blaublütigen Fiesmöppe auch nur ansatzweise auseinanderzuhalten. Ein Fechtlehrer, ein Sadist, ein Stasi-Spitzel, ein Schleimer, ein exzentrischer Hellseher … da kommt man schon mal durcheinander. Kurz gesagt: Das halbe Dutzend hätte auch gereicht (Bilbos Zwerge lassen grüßen). Ähnlich flatterhaft präsentiert sich Protagonistin Çeda. Mal einsame Waise, mal soldatisch disziplinierte Kriegerbraut, mal emotional überladene Rebellin, bleibt sie in jedem dieser eher schlecht sitzenden Kleider stets auf ungesunder Distanz zum Leser. Kein gutes Zeichen. Ein noch schlechteres ist, dass die Geschichte ausgerechnet immer dann interessant wird, wenn die Hauptdarstellerin gerade Pause hat. Das muss anders werden, vor allem wenn Beaulieu seiner Drohung von einem regalverstopfenden Sechsteiler Taten folgen lässt.


Der Zorn der Asirim 2

© Knaur

Fantasy-TopFür …
die Schublade
die Busfahrt
die Ewigkeit

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s