Rezension: Leigh Bardugo – Das Gold der Krähen

Kaz Brekker, kriminelles Mastermind mit Reibeisenstimme und Spazierstock, ist zurück in Ketterdam und sinnt auf Rache. Weil er nach der Mutter aller Coups im Finale von Band eins böse gelinkt wurde, sind Geld und Liebe futsch. Ob er und seine glorreiche Gang beides wiederbekommen und eine teuflische Wunderdroge für magische Allmachtsfantasien die Welt endgültig verschlimmbessert, davon berichtet dieser zweite und auch schon letzte Teil der Krähenreihe.


Eine Geschichte für sensible Jungs und harte Mädchen. Ein bisschen Herz, ein bisschen Krawall, ein bisschen bitter, ein bisschen süß. Die Hauptzielgruppe trägt traurige Tattoos und die Lieblingsfarbe Schwarz.


Elf meint: »Kurzbesuch auf der Intensivstation«

Wenn man nach knapp 600 Seiten das Gefühl hat, höchstens die Hälfte dessen gelesen zu haben, ist das ein gutes Zeichen. Oder anders ausgedrückt: Ich bin durch Bardugos Buch so schnell und gierig geflogen wie die Krähe zum Gold. Und das liegt vor allem an den zentralen Figuren der Geschichte. Ich habe lange überlegt, was die sechs Rabenvögel so besonders macht. Vielleicht ist es das: Wo andere Autoren oft nur eine einzige Klangfarbe kennen, da verleiht Leigh Bardugo jeder ihrer Schöpfungen eine ganz eigene Stimme. Und die hat immer Tiefgang, Witz und Authentizität. Letzteres nicht zuletzt, weil Brekker und seine Bande echte Verbrecher sind, die nicht nur politisch korrekte Kavaliersdelikte ins Kerbholz ritzen, sondern auch vor wirklich schlimmen Schäbigkeiten nicht haltmachen. Im Unterschied zum ortswechselfreudigen ersten Band findet das Geschehen inzwischen durchgängig in Ketterdam statt, dem eindeutig interessantesten Schauplatz in Bardugos Weltentwurf. Zwischen Kanälen, Kasinos, Brücken und Bordellen gewinnen Handlung und Charaktere nochmals an Tiefe, vor allem durch die zahlreich eingestreuten und hervorragend erzählten biografischen Schnipsel der Protagonisten. Was bleibt nach der Lektüre hängen? Ein finales Buchdrittel voller Twists, dramaturgischer und emotionaler Höhepunkte, ein Ende, das der Story und ihren Hauptdarstellern würdig ist, und der Eindruck, dass dieser Zweiteiler so kompakt und konzentriert war wie ein Kurzbesuch auf der Intensivstation. Im positivsten Sinn.


Zwerg meint: »Nur noch ein Kajal bis zur Romantasy«

Jetzt mal ehrlich, schon Das Lied der Krähen versteckte Popcorn-Storytelling und ein A-Team-haftes Ensemble hinter seiner Fassade aus Düster-Chic. Und wie das bei erfolgreichen aber simplen Blockbuster-Konzepten so ist: Die Fortsetzung enttäuscht fast immer. Leigh Bardugo kommt in diesem zweiten Teil der Krähenreihe einfach zu sehr ins Plaudern. Genau wie ihre Figuren, die deshalb gegenüber Band eins deutlich an Biss verlieren. Was sich dagegen nicht geändert hat: Das Setting tendiert auch diesmal wieder zum herzschmerzigen Teenager-Tagtraum von gutaussehenden aber gebrochenen Seelchen mit Hang zur Hipsterness. Noch ein Kajal weiter und wir sind in der Romantasy. Leider zündet auch der größtenteils unbeholfene und deplatziert wirkende Humor nicht. In der Komödienecke lauern reihenweise flache Oneliner zum Fremdschämen. Hinzu kommen verwirrende und anstrengend breit getrampelte Planungsorgien statt spritziger Geniestreiche. Und vor, bei und nach dem Verbrechen trickst einer den anderen aus und der andere wieder den einen und noch mal von vorne. Und das dauert dann. Nach Band eins traue ich mich kaum es auszusprechen: Das Krähengold hat mich sogar streckenweise gelangweilt. Letztlich muss man feststellen, dass Bardugo inzwischen mehr alte als neue Geschichten zu erzählen hat. Tatsächlich ist das Buch in weiten Teilen eine Aneinanderreihung von Rückblenden, vage zusammengehalten von einer eher uninspirierten Rahmenhandlung. Außerdem: Mit Holland als Insel, einem zaristischen Russland und Schnee in Schweden gewinnt man beim Worldbuilding sicher keinen Innovationspreis. Ein Warnhinweis zum Schluss: Wer Bardugos Erstlingsreihe Grischa noch auf der Bucket List hat (wovon ich dezent abrate), sollte die Krähen besser schnell beiseitelegen, denn besonders in diesem zweiten Teil werden vergangene Geschehnisse massiv gespoilert.


Das Gold der Krähen 2

© Knaur

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