Rezension: David Hair – Die verlorenen Legionen + Die Rückkehr der Flut – Die Brücke der Gezeiten 7 + 8

Finale, oho! Der vierte, im Abstand mehrerer Monate erschienene Doppelband der Gezeitenbrücke lässt es in den Morgen- und Abendland-Abziehbildern Yuros und Antiopia noch ein letztes Mal krachen. Im Mittelpunkt stehen eine wilde Artefaktenjagd, schmutziges Intrigenspiel, Romanzen, Intimfeindschaften und Krieg, Krieg, Krieg.


An dieser Stelle ist der tausendmal hingelogene Werbetext endlich angebracht: Für alle, denen das Warten auf die nächste Staffel Game of Thrones zu lang wird. Und wenn das Wetter in Königsmund mal zu gefühlskalt ist, lässt sich hier ein bisschen Sonne tanken.


Elf meint: »Über diese Brücke musst du gehn«

Auf seiner letzten Spritztour über die Brücke der Gezeiten kennt David Hair kein Tempolimit. Die Dramatik setzt direkt ein und wird an vier, fünf, manchmal sechs Schauplätzen zugleich in schwindelerregende Höhen katapultiert. Hair entwirft faszinierende Figuren mit vielschichtigen Handlungsmotiven, komplexe, facettenreiche Erzählstränge und zahlreiche politische, religiöse und philosophische bis hin zu finanzökonomischen und sexualmoralischen Diskursen, die, wie vieles in seiner Geschichte, reelle Bezüge haben. Er entfaltet die daraus resultierenden Konflikte so virtuos wie selten ein Fantasyautor zuvor. Dramaturgie, Charaktere, Pacing, Stilistik und Erzählfluss bekommen allesamt blitzeblanke Medaillen um die Hälse gehängt – und werden glücklicherweise zu keinem Zeitpunkt von der durchweg gelungenen Übersetzung geschmälert. Beim Gedanken an die im englischen Original längst angelaufene Nachfolgereihe muss ich mir die Vorfreudentränen schon jetzt eimerweise wegblinzeln.


Zwerg meint: »Geteiltes Buch ist halbes Buch«

Zugegeben, viel zu meckern gibts hier nicht, mit ein paar Kleinigkeiten nervt mich die Reihe trotzdem. Da wäre zum Beispiel das Konzept der Gezeitenbrücke an sich: Ein magisches Meisterwerk der Supermächtigen, das trotzdem nur alle dutzend Jahre mal den Schnorchel über Wasser hält. Dafür geht dann auf zwei Kontinenten, die, ganz am Rande bemerkt, auch den Flugverkehr kennen, umso deftiger die Post ab. Das wirkt schon arg konstruiert. Ansonsten stören ein paar Götter aus der Maschine und zu viele Rettungen in letzter Not, außerdem gibts gegen Ende nur noch Böses mit der Brechstange statt der bislang so eleganten Vielschichtigkeit in den Handlungsmotiven der Antagonisten. Ein generelles Problem seit Seite eins: Hairs Welt ist fast zu echt, um noch Fantasy zu sein. Es gibt tibetische Klöster, griechische Sagengestalten, altägyptische Grabstätten, Hindu-Gottheiten, ein Jerusalem, gallische und flämische Söldnerkompanien, Nordeuropäer, Südeuropäer, Araber, Perser, Inder und als Sahnehäubchen die religiös befeuerte Dauerkeilerei zwischen West und Nahost. Jetzt noch ein paar wütende Worte zu Dingen, an denen der Autor unschuldig ist: Die Veröffentlichungspolitik zeitgenössischer Fantasy ist immer öfter und in diesem Fall ganz besonders zum Treppe rauflaufen und sich runterstürzen. Jedes Buch wird für die deutsche Ausgabe grundsätzlich zweigeteilt und in einem wirklich lachhaften Schneckentempo publiziert. Im englischsprachigen Raum ist bereits der zweite Band der Nachfolgereihe erschienen, da werden wir noch mit mehrmonatigen Pausen zwischen zwei Halbteilen gequält. Noch dazu wurden die deutschen Buchtitel offenbar mal wieder in der Mittagspause auf die Serviette geschmiert. Die verlorenen Legionen, häh? Leute, es gibt hier nur EINE verlorene Legion. Sechs, setzen.


Die verlorenen Legionen 2

Die Rückkehr der Flut

Für …
die Schublade
die Busfahrt
die Ewigkeit

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