Fantasy-Tops

Elfens unvollendete Liste der vollendetsten Buchreihen


Konkurrenzlos
J.R.R. Tolkien: Mittelerde

Der Herr der Ringe

© Klett-Cotta

Ja, ich weiß, Tolkiens Hauptwerke bilden keine zusammenhängende Buchreihe und waren auch nie als Mehrteiler konzipiert. Warum also sind sie Kopf dieser Liste? Aus zwei Gründen: Erstens lassen sie sich auf eine seltsame Art und Weise tatsächlich in Serie lesen. Zweitens ruht der gesamte dramaturgische Mittelerde-Kosmos auf den Schultern von Hobbit, Herr der Ringe und Silmarillion. Und ohne diese sehr unterschiedlichen großen Drei (ein Kindermärchen, ein Roadtrip und ein Geschichtsseminar) wäre die moderne High Fantasy ganz einfach unvorstellbar. Der unübertroffen detaillierte Weltentwurf, die ikonischen Charaktere, der einzigartige Ansatz, ein ganzes Universum auf Grundlage der Linguistik zu erschaffen, und das damals innovative weil erstmals erwachsene Konzept der Elfen, ähem, Elben – all das sucht noch heute seinesgleichen. Wenn man sich auf Tolkien einlässt, dann muss man allerdings auch verzeihen können. Zum Beispiel den durchgehend feierlichen und daher nicht immer angenehmen Duktus, den kunterbunten Mythenklau, verdächtig südäquatorial anmutende Schurkenvölker und die überwiegende Abwesenheit von Weiblichkeit. Trotzdem: Mittelerde wird wohl bis in alle Ewigkeit die ultimative Blaupause der Fantasy bleiben. Und wer sich am Ende des sehr langen Endes vom Herrn der Ringe kein Tränchen verdrückt, ist so kalt wie Gollum seinen Fisch am liebsten hat.


Platz 1
George R.R. Martin: Das Lied von Eis und Feuer

Das Lied von Eis und Feuer

© Blanvalet

Der Eisenthron lässt nur Platz für ein Gesäß, und das gehört dem weltweit zweitmeistgeliebten Fantasyautoren mit Doppel-R in den Vornamenskürzeln. Was zeichnet die perfekte fantastische Buchreihe aus? Story, Stil und Setting – und in allen drei Kategorien verdient Das Lied von Eis und Feuer sich einen Ehrendoktor. Außerdem den Sonderpreis in der Rubrik Ränkespiel. George R.R. Martins noch unvollendete und inzwischen vorrangig auf die Mattscheibe abgewanderte Fantasy-Hommage an die Rosenkriege ist zugleich genial und brutal, sensibel und explizit, geliebt und gehasst. Der abrupte Buchtod populärer Figuren wird zum Stilmittel, fiebriger Nervenkitzel und offenstehende Münder zur Gewohnheit. Und dazu noch solche Slogans: Der Winter naht; Valar Morghulis; Die rote Hochzeit; Du weißt gar nichts, Jon Schnee; Hodor. Kurz gesagt, hier jagt ein T-Shirt-Spruch den nächsten. Die Popkultur sagt danke.


Platz 2
Patrick Rothfuss: Die Königsmörder-Chronik

Die Königsmörder-Chronik

© Klett-Cotta

Folgende Behauptung: Die ersten zwei Drittel von Der Name des Windes, Patrick Rothfuss‘ Debüt und Auftakt seiner Königsmörder-Chronik, sind das beste Fantasybuch aller Zeiten. Dann folgt leider das letzte Drittel. Und dann der zweite Band. Entwarnung, hier lauern bei Weitem keine Katastrophen, sondern, im Gegenteil, verdammt gute Unterhaltung. Trotzdem, hätte Rothfuss das alles überstrahlende Niveau seiner Anfänge gehalten, der Fantasy-Olymp hätte einen neuen Zeus. So aber erhält eine Geschichte, die zu Beginn ebenso makellos wie magisch erzählt wird, den schleichenden Beigeschmack von Ausschweifung, wenn nicht gar Selbstverliebtheit. Aber es ist noch nicht zu spät für die Spitze, denn das Finale der Chronik rund um Kvothe, Auri, Elodin und all die anderen faszinierenden Figuren am Arkanum der Universität von Imre wird irgendwann geschrieben sein. Hoffen wir, dass Rothfuss es schlauer (und fleißiger) anstellt als Martin und sich nicht von der eigenen Verfilmung überholen lässt.


Platz 3
Scott Lynch: Locke Lamora

Locke Lamora

© Heyne

Scott Lynch ist ein mindestens so komplizierter Fall wie sein Titelheld, der sympathische aber wankelmütige Gentleman-Ganove und Gangleader Locke Lamora, denn er pendelt offenbar ständig zwischen Perfektion und Pustekuchen. Sieben Bände wurden vollmundig versprochen, bislang aber nur drei verwirklicht – seit 2006! So ein Faulpelz gehört in keine Bestenliste, oder? Und ob. Locke Lamora, seine Freunde, Verbündeten, Rivalen und Feinde, seine sich nach und nach entfaltende Vergangenheit und die verzwickten Räuberpistolen in einer Welt voller Masken und Kanäle sind so charmant und geistreich inszeniert, dass man Scott Lynch am Kragen packen, schütteln, anschreien und -betteln möchte, sich endlich wieder an den Schreibtisch zu setzen.


Platz 4
Tad Williams: Das Geheimnis der großen Schwerter

Das Geheimnis der großen Schwerter

© Klett-Cotta

Zum Glück gibt es in der Fantasy Elfen, Zwerge, Trolle, Riesen und Co., denn mit menschlichen Charakteren hat Tad Williams so seine Schwierigkeiten. Immer wenn letztere auf den Plan treten, wird es in seinen Büchern langatmig, klischeehaft und manchmal sogar absurd und unfreiwillig komisch. Aber wenn er uns von seinen Feenvölkern erzählt, von den goldäugigen Sithi und den bleichen Nornen, dann offenbart sich eine im doppelten Sinne magische Szenerie. Williams‘ Reihe um die großen Schwerter, die mit der wortgetreuen Übersetzung aus dem Englischen (Erinnerung, Leid und Dorn) übrigens einen sehr viel schöneren Titel verdient gehabt hätte, wurde Ende der Eighties begonnen und geht damit durchaus noch als Frühwerk der modernen High Fantasy durch, sah sich dennoch oder gerade deshalb stets mit hartnäckigen Tolkien-Plagiatsvorwürfen konfrontiert. Nach Parallelen zwischen Osten Ard und Mittelerde muss man tatsächlich nicht lang suchen, und sowohl der abgedroschene Coming-of-Age-Part als auch das skandalös banale Ende gereichen der Geschichte nicht gerade zur Ehre. Dass Tad Williams trotz all der Kritik bis heute als einer der einflussreichsten und handwerklich versiertesten Fantasyautoren gilt, und seinem Erstling nach dreißig Jahren ein langerwartetes Sequel spendiert wurde (Der letzte König von Osten Ard), untermauert jedoch den hohen Stellenwert des Drei-, hierzulande Vierteilers.


Platz 5
David Hair: Die Brücke der Gezeiten

Die Brücke der Gezeiten

© Penhaligon

Eine magisch konstruierte Brücke, die alle zwölf Jahre zwei geographisch wie kulturgeschichtlich getrennte Kontinente verbindet, die Abziehbilder unserer Morgen- und Abendlande sind, macht noch lange keine gute Story aus. David Hairs facettenreiche Figuren, komplexe Handlungsstränge und insbesondere sein fast konkurrenzlos brillanter Erzählfluss hingegen schon. Die Brücke der Gezeiten ist politisch, philosophisch, gesellschafts- und religionskritisch, zugleich herzlich, romantisch und dramatisch, vor allem aber ist sie einfach herausragend geschrieben. Vier (für den deutschen Buchmarkt jeweils geteilte) Bände, von denen man keinen einzigen gern aus der Hand legt.


Platz 6
Anthony Ryan: Rabenschatten

Rabenschatten

© Klett-Cotta

Man kann Anthony Ryan vorwerfen – und viele haben das auch getan –, dass Qualität und Plausibilität seiner Rabenschatten-Reihe Band für Band abnehmen. Stimmt, trotzdem steht sogar der letzte und schwächste Teil der Trilogie als funkelnder Stern am viel zu oft zappendusteren Fantasyhimmel. Und Band eins, Das Lied des Blutes, ist für sich stehend wohl das Beste, was dem Genre seit Rothfuss‘ Der Name des Windes passieren konnte. Der Rabenschatten-Kosmos mag hier und da den skizzenhaften Charme einer Straßenkarte versprühen, aber Ryan ist kein Weltenschöpfer, er ist Geschichtenerzähler. Und zwar einer der begnadetsten, die das Genre derzeit zu bieten hat. Wenn Vaelin al Sorna seinen Weg vom militärischen Ordensnovizen zum ungewollten Kriegshelden, Königsliebling und zugleich verhassten Volksfeind beschreitet, um im Verlauf der Handlung immer stiller, melancholischer und machtloser zu werden und dabei sogar aus dem Fokus der Geschichte zu treten, dann taucht man als Leser in einen tiefen, oft traurigen aber immer wunderschönen Ozean ab und nicht so schnell wieder auf.


Platz 7
Anthony Ryan: Draconis Memoria

Das Erwachen des Feuers

© Klett-Cotta

Ryan wechselt für seinen zweiten Dreiteiler das Subgenre – aber hält die Klasse. Gewehr statt Schwert, Dampfboot statt Pferd, Agent statt Ritter, Chemie statt Magie. Und mittendrin: Drachen. Im Steampunk-Nebel von Draconis Memoria führen vorgestrige Feudalisten und korrupte Kapitalisten einen Spionagekrieg um die Superkraft-Substanz Drachenblut, bis die Jäger zu Gejagten werden. Die Reihe mutet beim Blick auf den Buchdeckel etwas kurios und kauzig an, entpuppt sich jedoch schnell als ebenso vielschichtige wie spektakelverliebte Blockbuster-Fantasy mit originellem Setting, sympathischen Figuren und hoher Handlungsvielfalt. Und so wird der Vergleich mit Ryans Erstling am Ende eher zur Geschmacks- als zur Qualitätsfrage.


Platz 8
Leigh Bardugo: Krähen

Das Lied der Krähen

© Knaur

In Leigh Bardugos Krähen-Zweiteiler ist Rache nicht Blutwurst, sondern Motivation, Motto und Masterplan zugleich. Und sie wird so kalt, düster und stilbewusst serviert wie ein nachtschwarzer Nadelstreifenanzug. Der Grischa-Nachfolger trumpft mit spannenderer Story, komplexeren Figuren und einem großartig in Szene gesetzten Verbrechermilieu in Steampunk-Kostümierung auf. Band eins, Das Lied der Krähen, ist ein Kracher, Band zwei, Das Gold der Krähen, eher ein Krächzer, trotzdem Pflichtlektüre. Ein dichtes Duo, das in Blitzgeschwindigkeit zum Aushängeschild neuzeitlicher Fantasy avanciert ist.


Platz 9
Daniel Abraham: Die magischen Städte

Die magischen Städte

© Blanvalet

Daniel Abrahams ebenso poetische wie sperrige Tetralogie vor fernöstlich angehauchtem Bühnenbild hat allein schon wegen ihres philosophischen Mehrwerts einen ewigen Platz in dieser Bestenliste sicher. Das Thema: Ideen, die eine willensbegabte, menschenähnliche Gestalt annehmen und ob ihrer besonderen Fähigkeiten festgesetzt und als wirtschaftspolitische Machtinstrumente missbraucht werden. Wahnsinn. Hinzu kommt, dass der synonymverliebte Vater des Gedanken (siehe Daniel Hanover, James Corey usw.) Sätze ebenso filigran konstruiert wie Figuren und Geschichten – auch wenn letztere eher durch Intelligenz als durch Spannung glänzen. Wären Die magischen Städte hier und da etwas weniger um die Ecke gedacht, dann wäre es ein noch größeres Vergnügen, sie zu lesen.


Platz 10
Brian Staveley: Thron

Die Thron-Serie

© Heyne

Brian Staveleys Chronik des unbehauenen Throns – so wäre die Reihe eigentlich korrekt aus dem Englischen übersetzt – erinnert atmosphärisch stark an Anthony Ryans Rabenschatten. Die Geschichte um drei charakterlich wie biografisch sehr unterschiedliche Thronfolger in spe eines plötzlich kaiserlosen Reiches bietet Mythen, Politik, Intrigen, Puzzles, ein nicht gerade geringes Blutspritzerlevel und mehr als genügend Originalität. Allein die faszinierenden und nicht weniger beängstigenden Csestrim in ihrer Ambivalenz als Ahnen und zugleich Todfeinde der Menschheit, wären mir ein Sequel oder vielleicht besser Prequel wert. Logik und Nachvollziehbarkeit bleiben im Verlauf der Reihe ein wenig auf der Strecke, Pageturner sind aber alle drei Bände.


Platz 11
Bradley Beaulieu: Die Legenden der Bernsteinstadt

Die zwölf Könige

© Knaur

Die Wüste lebt. Denn Bradley Beaulieu hat sie vollgestopft mit Göttern, Dämonen, tyrannischen Königen, Terrorzellen, Blutmagiern, mythischen Flüchen und Prophezeiungen, allerlei exotischem Getier und Gestrüpp und einem alles andere als auf Sand gebauten Plot um die von zahlreichen Mysterien eingenebelte Widerstandskämpferin Çeda. Vorsicht, diese Wüstendurchquerung braucht Zeit und Durchhaltevermögen. Bringt man als Leser beides mit, dann wartet in der Bernsteinstadt Sharakhai eine Karawanenladung voller Atmosphäre und Originalität als Belohnung.


… wird fortgesetzt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s